Orientierungslos im Wald – Verlaufen!

Feuchter Nebel zieht durch die bedrückende Dunkelheit und kondensiert immer wieder auf der kalten Brille. Die Füße schmerzen schon fast nicht mehr. Eine Taubheit macht sich im ganzen Körper breit. Das Frösteln lässt langsam nach, obwohl die Temperatur immer weiter gegen Null sinkt. Das wilde Gedankenkarussell entfernt sich leise. Warum musste es ausgerechnet dieser Weg sein? Zur falschen Zeit am falschen Ort. Orientierungslos im Wald. War es so? Das hätte einfach nicht passieren dürfen…

Nebliger Fichtenwald im Dunkeln. Nur der Mond scheint ein wenig. Symbolbild für Verlaufen und orientierungslos im Wald.

Reine Fiktion – Aber wie ist die Realität? Verlaufen und orientierungslos im Wald?

Die ersten Zeilen dieses Beitrages sind frei erfunden. Als ich das Foto im Wald gemacht habe war es zwar dunkel und neblig, aber die Orientierung habe ich nicht verloren. Bevor meine Fantasie nun vollständig mit mir durchgeht, zurück zum eigentlichen Thema dieses Beitrages: Heute möchte ich mit Dir ein paar Gedanken zum „Verlaufen im Wald“ teilen.

Kann man sich heutzutage überhaupt noch wirklich beim Wandern verlaufen?

Jeder der bereits längere Wandertouren unternommen hat kennt es: Irgendwann mal kommt man von dem Weg ab, den man eigentlich nehmen wollte. Es kann sein, dass Du durch die Umgebung abgelenkt warst und nicht auf die Beschilderung geachtet hast. Oder Du hast an einer Wegekreuzung einfach, warum auch immer, den falschen Weg ausgewählt.

Hast Du dich jetzt wirklich „verirrt“? Eigentlich nicht richtig. Irgendwann fällt es Dir auf, dass Du den falschen Weg gewählt hast. Entweder durch Blick auf Dein GPS-Gerät, oder weil der Weg auf einmal anders verläuft oder anders beschildert ist, als Du es erwartest. Hast Du jetzt die Orientierung verloren? Nein, vermutlich nicht. Das GPS-Gerät oder die Wanderkarte zeigen Dir schnell wieder, wo Du bist. Schlimmstenfalls musst Du nun ein paar Kilometer auf dem Weg wieder zurückgehen, bis Du wieder auf Deiner ursprünglich geplanten Route bist. Ärgerlich, aber nicht wirklich schlimm. Zumindest in den deutschen Mittelgebirgen.

Und ohne GPS und Wanderkarte?

Das sind genau die Fälle, bei denen wirklich mal Menschen in deutschen Wäldern die Orientierung verloren haben. Beispielsweise ein 13jähriger Junge, der eine „Abkürzung“ durch den Wald genommen hat, nachdem er seinen Bus verpasst hat. Dabei ging der Akku seines Smartphones zügig zur Neige und die Online-Navigation funktionierte mitten im Wald auf einmal nicht mehr. Mit fast leerem Akku konnte der Junge aber noch einen Notruf absetzen und das Ganze ging letztendlich glimpflich aus, bevor die eisige Nacht herein brach. Das wäre zumindest ungemütlich geworden.

Orientierungslos im nebligen Fichtenwald

Und dass die Technik streikt, das kann Dir wirklich schneller passieren als Du denkst…

Die Technik streikt schneller als Du denkst…

Ich bin einmal nach Feierabend noch eine kleine Runde durch ein Waldstück gelaufen. In diesem Waldstück war ich vorher noch nie. Es sollte aber auch nur eine kleine spontane Runde am frühen Abend werden. Deshalb hatte ich auch keinen Rucksack oder sonstiges Gepäck dabei. Nur mein Smartphone, auf dem ganz Deutschland als hochauflösendes „Offline“-Kartenmaterial zur Verfügung steht. Auf ein funktionierendes Internet war ich somit im Wald zur Navigation nicht angewiesen. Also, Auto abgestellt und dann bin ich munter darauf los marschiert. Ich habe ganz spontan immer den Weg genommen, der mir gerade gefiel…

Nun war es irgendwann an der Zeit, den Rückweg zum Auto einzuschlagen. Ich zückte mein robustes Outdoor-Smartphone, um in die Offline-Karte zu schauen, wo ich bin. Auf dem Display stand aber nur noch „No SD-Card“ (oder so ähnlich). Ein Neustart des Handys half nichts. Ich hatte Monate zuvor eine riesige SD-Karte als zusätzlichen Speicher in mein Handy gebaut und dem Handy gesagt, dass es bitte alle Dateien auf diese Karte speichern soll. Auch die Systemdaten des Android-Betriebssystems. Und nun? Nichts mehr. Keine Wanderkarte, kein Telefonieren, kein Internet, kein WhatsApp… rein gar nichts.

Wo bin ich? Wie komme ich zurück zum Auto?

Ich stand also mitten in einem mir bis dato nahezu unbekannten Wald. Ohne jegliche funktionierende Ausrüstung. Nur mein Autoschlüssel, aber der war nun nicht wirklich hilfreich.

Sonnenuntergang im Wald

Es hätte nun gereicht, die fehlerhafte SD-Karte aus dem Handy zu nehmen und den „Werkszustand“ wieder herzustellen. Aber bei so einem robusten Outdoor-Smartphone (Blackview BV6000) ist die wasserdichte Abdeckklappe fein säuberlich mit winzigen Schräubchen verschraubt. Ohne Werkzeug öffnen? Nein, keine Chance. Ein Taschenmesser hätte mir geholfen. Aber auch das war an dem Tag nicht mit dabei. Noch ungefähr eine Stunde bis Sonnenuntergang. Taschenlampenfunktion am Handy? Nein, auch die funktionierte nicht mehr…

Nach einem ersten spontanen „Scheiße!“ (sorry, aber das dachte ich wirklich), habe ich das getan, was mir als einzige Variante ohne großes Risiko sinnvoll erschien: Genau den Weg zurück laufen, den ich dort hin genommen hatte. Ich wusste zwar nicht genau wo ich war, aber ich war nicht orientierungslos im Wald. Der Rückweg hat dann letztendlich auch wie erwartet funktioniert.

Und hätte ich eine andere Richtung eingeschlagen, wäre ich zwar nicht bei meinem Auto angekommen, aber doch relativ schnell wieder in der „Zivilisation“. Man ist hier ja nicht in der Wildnis, sondern auch der Wald ist durchzogen von Forststraßen…

Wildnis in Deutschland?

Übrigens ist in ganz Deutschland kein einziger Punkt mehr als 6,3 km (Luftlinie) von einem Haus entfernt. Ja, wirklich! Dies haben Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR) in Dresden und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) in einer 2019 veröffentlichten Studie herausgefunden. Das größte gebäudefreie Gebiet misst gerade einmal 12,6 Kilometer im Durchmesser. Der Punkt mit der weitesten Entfernung zum nächsten Haus liegt im Süden der Lüneburger Heide auf dem Truppenübungsplatz Bergen (6,3 Kilometer Entfernung zum nächsten Gebäude).

Egal, welchen Weg ich bei meinem unfreiwilligen Abenteuer nun konsequent verfolgt hätte, ich wäre zu Fuß wieder mit vertretbarem Aufwand zu einer menschlichen Behausung gekommen. Das gilt, wie gesagt, natürlich nur für Deutschland. In anderen Ländern gibt es durchaus große Wildnisgebiete.

Tipps um Verlaufen zu vermeiden

Orientierungslos im Wald? Nein. Das lässt sich einfach vermeiden.

Tipp 1: Sei vorbereitet!

Rechne damit, dass irgendetwas nicht funktioniert. Die Technik kann ausfallen, oder Du verlierst einen Ausrüstungsgegenstand, den Du benötigst. Plane ein „Back-Up“ für Deine Ausrüstung ein. Ich habe bei meinen Touren in mir unbekannte Gebiete beispielsweise nicht nur mein Smartphone mit Kartenmaterial dabei, sondern auch eine ganz konventionelle Wanderkarte aus Papier im Rucksack.

Tipp 2: Verschaffe Dir vor der Tour bereits einen Überblick

Manchmal reicht es bereits, zu Wissen, in welche Richtung man sinnvollerweise laufen sollte, wenn etwas unvorhergesehenes passiert, oder man sich „verirrt“. Bei meinem unfreiwilligen Abenteuer in dem mir bis dato unbekannten Wald, wusste ich, wo sich das Waldstück befindet und welche Ortschaften in welcher Himmelsrichtung außerhalb des Waldstückes liegen. Dazu reicht es häufig, vor der Tour mal bei Google Earth sich das Gebiet der Tour anzusehen.

Tipp 3: Sage jemandem, wo Du bist

Falls Du häufiger alleine wanderst: Sage jemandem, wo Du bist und wann Du voraussichtlich wieder da sein wirst. Das hilft zwar nicht direkt das Verlaufen an sich zu vermeiden – hilft Dir aber indirekt bei der Vorbereitung der Tour. Und natürlich auch, wenn Du im Notfall gesucht werden musst.

Tipp 4: Baue Dir „Puffer“ ein

Plane Deine Tour in jeder Dimension nicht „zu knapp“. Rechne damit, dass es im Winter kälter ist als erwartet. Reicht Deine Kleidung dann? Rechne damit, dass es länger dauert als erwartet. Ist es dann dunkel? Vielleicht ist es im Sommer heißer als erwartet. Reicht Dein Wasser dann?

Tipp 5: Überlege, welche Szenarien sind realistisch?

Im ersten Tipp erwähnte ich bereits, dass Du vorbereitet sein solltest. Hilfreich dabei ist auch die Überlegung, welche Szenarien realistisch vorkommen könnten und wie Du darauf reagieren kannst. Bei einem Nachmittagsspaziergang im Sommer über eine sauerländische Forststraße wird Dir vielleicht ein Handy reichen, falls Du Dir beispielsweise ein Bein brichst und Hilfe holen können musst. Im Winter bei einer Tour durch die Alpen wird es Dir hingegen schnell zur Falle, wenn Du nicht mit entsprechender Ausrüstung darauf vorbereitet bist, dass innerhalb weniger Minuten die Temperatur rapide abfällt und die Sicht so schlecht sein kann, dass Du den Rückweg nicht antreten kannst und Du dann „am Berg“ übernachten musst.

Sonnenstrahlen durch den Wald im Winter

Es ist passiert. Doch verlaufen! Und jetzt?

Falls es doch mal passieren sollte und Du dich orientierungslos im Wald findest, dann…

Tipp 1: Ruhe bewahren!

Hektik hilft nicht. Ein altes Seefahrersprichwort lautet „Mach langsam, denn es muss schnell gehen.“ Das hilft nicht nur auf dem Wasser, sondern auch im Wald. Lieber in Ruhe überlegen, welche Optionen Du hast. Benutze erst Deinen Kopf und dann Deine Beine.

Tipp 2: So gut wie möglich orientieren

Wenn Du keine Hilfsmittel wie Karte oder GPS verfügbar hast: Wann hast Du den Weg verloren? Hilft es, zurück zu gehen? Gibt es andere Strecken oder Punkte, an denen Du Deine Orientierung wieder finden kannst? Beispielsweise ein(e) Dir bekannte(r) Weg/Straße/Ortschaft/Sehenswürdigkeit in einer bestimmten Himmelsrichtung als „Auffanglinie“? Der Stand der Sonne kann dabei durchaus helfen („Im Osten geht die Sonne auf, im Süden hält sie Mittagslauf, im Westen wird sie untergehen, im Norden ist sie nie zu sehen…“). Vielleicht gibt es auch einen erhöhten Punkt (Berg), der Dir einen Blick rundherum zur groben Orientierung ermöglicht.

Tipp 3: Bergab, bachabwärts

Wenn Du einen Weg findest, der an einem Bach vom Berg in Richtung Tal führt, dann nimm diesen um schnell und risikolos wieder in die „Zivilisation“ zu gelangen. Ansonsten ist ins Tal „Bergab“-Gehen auch immer eine gute Option.

Tipp 4: Gehe kein Risiko ein!

Nutze eine gut ausgebaute Forststraße. Insbesondere dann, wenn es dunkel ist. Auch wenn Du der Meinung bist, dass der „gerade“ Weg in eine Richtung als mögliche Abkürzung besser sein könnte. Zu groß ist das Risiko. Ein Hindernis kann Dir den Weg versperren oder Du stehst plötzlich vor einem Abgrund. Auch ein spitzer Ast im Auge ist nicht das, was Du möchtest. Wenn das Risiko zu groß ist, scheue Dich nicht, einen Notruf abzusetzen. Hilfreich können dazu auch die vielfältig markierten Rettungspunkte sein.

Tipp 5: Zeichen der Zivilisation

Du findest auch im Wald viele Zeichen der Zivilisation. Fußspuren im Schnee. Vielleicht hörst Du etwas? Kirchenglocken, Autogeräusche oder anderes „Menschengemachtes“. Vielleicht siehst Du auch Telefon- oder Strommasten, die Dich leiten können. Am Besten natürlich Markierungen von Wanderwegen.

Tipp 6: Übernachten im Wald ist nicht schlimm

Falls es doch mal ungewollt dazu kommen sollte… Orientierungslos im Wald. Denke daran: Übernachten im Wald ist nicht schlimm. Eine geplante Übernachtung hingegen sogar sehr schön. Für eine ungeplante Übernachtung musst Du natürlich ein wenig improvisieren. Um bei geringen Außentemperaturen nicht zu unterkühlen, kannst Du Dir beispielsweise Deine Kleidung mit herumliegendem Laub auspolstern…

Fazit: Sei vorbereitet!

Mit der richtigen Vorbereitung kannst Du Deine Tour genießen und hast auch überhaupt kein Problem, wenn Du mal kurzzeitig Deinen Weg verlierst…

Viel Spass in der Natur und bleib gesund!

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