Von feinem Blütenstaub und fetten Explosionen…

Hast Du schon mal von den Sporen des Bärlapp gehört? Von Lycopodium? Nein? Gesehen hast Du sie aber bestimmt schon mal. Auch wenn Dir das nicht so bewusst ist. Heute erfährst Du von mir in diesem Beitrag, was gewaltige Explosionen in Theater, Film und Fernsehen mit feinem Staub aus der Natur zu tun haben…

finale Explosion Elspe Festival 2021

Ich liebe Feuer – Was brennt denn da eigentlich?

Ich bin im Dörfchen Elspe im Sauerland aufgewachsen. Elspe ist Dir vielleicht auch bekannt, denn dort gibt es das Elspe Festival. Dort werden seit mehreren Jahrzehnten in einem der größten Show- und Festivalparks Europas unter freiem Himmel Inszenierungen frei nach Karl-May aufgeführt.

Besonders beeindruckt haben mich als Kind immer die spektakulären pyrotechnischen Effekte in einem solchen Theater. Auch heute finde ich das noch faszinierend. Denn in einem „live“ aufgeführten Theaterstück kann man nicht wie in Film und Fernsehen mit Techniken wie „Schneiden“, „greenbox“ oder digitaler Technik nachträglich coole Effekte einbauen.

Flüssige oder gelförmige Brennstoffe werden beispielsweise genutzt, wenn Personen brennen:

Brennender Darsteller im Elspe Festival

Gasförmiger Brennstoff wird gern genutzt, wenn Gebäude brennen:

Das Gas brennt kontrolliert hinter der jeweiligen Kulisse, ohne diese zu beschädigen. Der Vorteil gegenüber flüssigen Brennstoffen ist die gute Steuerbarkeit. Wenn das Feuer in der Szene nicht mehr benötigt wird, wird der „Gashahn zugedreht“ und das Feuer ist wieder aus 😉

Brennender Saloon im Elspe Festival

Flüssig und gasförmig haben wir jetzt… Und was ist mit „festen“ Stoffen?

Auch für einen besonderen „festen“ Stoff gibt es eine häufige Verwendung: Für die Sporen des Bärlapp.

In der Überschrift dieses Beitrages habe ich von „Blütenstaub“ gesprochen. Das stimmt botanisch vermutlich nicht ganz, denn unter Blütenstaub versteht man wohl eigentlich die Pollen von Samenpflanzen. Hier geht es um Sporen, diese stammen von Farnen, Bärlappen, Schachtelhalmen, Moosen und Pilzen. Und um die Sporen vom Bärlapp (Lycopodium) geht es hier jetzt konkret.

Lycopodium

Die Sporen des Bärlapp (nicht zu verwechseln mit Bärlauch!) sind sehr fein (30 +/− 2 μm) und bestehen zu 50% aus Öl. Bereits im Mittelalter hat man mit diesem Naturprodukt pyrotechnische Effekte inszeniert. Interessant, dass es bis heute nicht gelungen ist, einen Stoff synthetisch herzustellen, der die gleichen Eigenschaften wie Lycopodium hat. Cool, was die Natur so alles drauf hat…

Du kannst mit Lycopodium sehr große Feuerbälle erzeugen, indem Du es fein zerstäubst und dann zündest.

finale Explosion auf dem Elspe Festival. Aufführung im Jahr 2021

Um gewaltige Explosionen darzustellen wird im Wesentlichen Lycopodium in der Regel in einem (trichterförmigen) Mörser (dickwandiges Gefäss, nach oben offen) durch eine Treibladung zerstäubt und gezündet.

Als Treibladung bieten sich beispielsweise elektrisch zündbare „Blitz-Knall“-Effektladungen an. Diese erzeugen einen gewaltigen Knall (ähnlich einem „China-Böller“) und gleichzeitig einen Blitz, bzw. Funken. Durch den Druck wird das Lycopodium zerstäubt und durch die Funken gezündet. Das kann natürlich noch durch weitere Effekte (z.B. Rauch-Effekte) ergänzt werden um insgesamt eine realistisch aussehende Darstellung einer Explosion zu bekommen.

Auf dem folgenden Bild kannst Du den Augenblick wenige Sekundenbruchteile kurz vor der großen Explosion (obiges Bild) sehen. Du kannst gut erkennen, dass der Gesamteffekt aus mehreren einzelnen Mörsern zerstäubt wird. Wenn Du das live siehst, fällt Dir das hingegen nicht auf. Du siehst nur eine einzelne große Explosion.

Kurz vor der finalen Explosion im Elspe Festival. Du siehst die Zerstäubung aus mehreren Mörsern.

Lycopodium – Das muss ich doch mal ausprobieren!

Da Du Lycopodium frei kaufen kannst… (es sind ja „nur“ Sporen), muss logischerweise auch bei mir mal ein Selbstversuch her… Um meine Nachbarn zu „schonen“, verzichte ich bei meinen Experimenten aber auf einen „Knall“ 😉

Ich zerstäube das Lycopodium einfach mit einem dünnen PVC-Rohr (das hier in meiner Werkzeug-Ecke noch rumsteht) mit Luft. Feste reinblasen, das reicht.

Versuch 1: Lycopodium in eine Flamme blasen

Im ersten Versuch fülle ich einen Teelöffel Lycopodium in das PVC-Rohr. Jetzt blase ich durch das Rohr in eine Flamme. Als Flamme verwende ich einen selbstgebauten Spiritus-Dosenkocher. Dieser arbeitet mit dem gleichen Prinzip wie ein Trangia-Sturmkocher. Dieser hält das „Pusten“ aus, ohne dass die Flamme ausgeht. Nimmst Du ein Teelicht, dann bläst Du damit eher zuerst die Teelicht-Flamme aus, bevor das Lycopodium zündet.

Stichflamme aus zerstäubtem Lycopodium aus einem PVC-Rohr

Wow, das ist schon wirklich beeindruckend! Ich zeige Dir hier noch den Moment kurz vor der Zündung des zerstäubten Lycopodiums.

Zerstäubtes Lycopodium kurz vor der Zündung.

Versuch 2: Simulation eines Mörsers

Im nächsten Versuch simuliere ich ganz grob die Funktionsweise eines Mörsers. Um die Flamme nach oben zu richten nehme ich ein Kunststoff-Eimerchen, das ehemals mal eine Lebensmittel-Verpackung war. Das ist natürlich nicht dickwandig, wie ein Mörser. Reicht aber für meinen Test-Zweck aus. Für mein PVC-Rohr (zum Zerstäuben) schneide ich mit dem Taschenmesser ein passendes Loch in den Eimer und dichte es mit Isolierband ab.

Das Lycopodium fülle ich auf den Boden des Eimerchens, die Zündflamme meines Dosenkochers positioniere ich ein wenig höher. Dazu baue ich mir mit zwei hier noch vorhandenen Winkeln aus dem Baumarkt ein kleines Podest.

Das ist natürlich stark improvisiert und nur für wenige Tests aufgebaut. Schöner wäre es, wenn die Luft zum Verwirbeln konzentrierter in das Lycopodium geführt würde (z.B. über einen 90-Grad-Knick nach unten gerichtet). Für diesen Versuch reicht es mir aber auch so.

Ich möchte jetzt auch nur Dinge nutzen, die ich gerade verfügbar habe. Für einen „dauerhaften“ und wiederverwendbaren Gebrauch würdest Du so etwas natürlich auch nicht aus Kunststoff bauen, sondern eher aus Metall.

Stichflamme aus zerstäubtem Lycopodium mit improvisiertem Mörser aus Kunststoffeimer.

Cool, auch das funktioniert prima!

Falls Du Übrigens mal irgendwo hören solltest, dass Lycopodium mit „kalter Flamme“ brennt… Das ist Quatsch. Die Temperatur der Flamme von Lycopodium ist nur verhältnismäßig niedrig. Sie ist mit circa 500 Grad einige hundert Grad „kühler“ als die Flamme von Gas oder flüssigen Brennstoffen. Daher sind die einzuhaltenden Abstände schon deutlich geringer. Auch das ist ein Grund, warum die Bärlappsporen in Film und Fernsehen auch in Innenräumen genutzt werden.

Falls Du demnächst mal auf einem Konzert einen „Flammenprojektor“ siehst, der unmittelbar neben einem Musiker immer mal wieder eine hohe Stichflamme erzeugt, dann weißt Du jetzt auch, wie das funktioniert. Dort wird Lycopodium zerstäubt und gezündet!

Meine beiden Versuche sind erfolgreich! Jetzt alles wieder abbauen und noch eine kleine Runde wandern gehen, denn es ist richtig schönes Wetter an diesem Wochenende!

Viel Freude draußen und Spaß in (und mit) der Natur! Bleibt gesund!

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